Wissenschaftler melden die Entdeckung eines riesigen Sauropoden-Dinosauriers, Tongnanlong zhimingi – eines Giganten aus dem Spätjura im Südwesten Chinas, dessen Länge auf bis zu etwa 28 Meter geschätzt wird.
Der Fund stammt aus dem Tongnan-Distrikt der Stadt Chongqing, der zum Sichuan-Becken gehört, und wurde in Gesteinen geborgen, die vor rund 147 Millionen Jahren abgelagert wurden.
Von Tongnanlong zhimingi ist bislang ein Holotyp (das einzelne, namensgebende Referenzexemplar) bekannt: drei Rückenwirbel, sechs Schwanzwirbel, Teile des Schultergürtels sowie Elemente der Hintergliedmassen. Die Knochen kamen bei Bauarbeiten ans Licht und wurden danach eingehend wissenschaftlich untersucht.
Das Forschungsteam ordnet Tongnanlong der Familie Mamenchisauridae zu – langhalsigen Sauropoden, die für besonders stark verlängerte Hälse bekannt sind.
An den Knochen sind typische innere, luftgefüllte Hohlräume sowie komplexe Leistenstrukturen zu erkennen, die das Skelett zugleich leichter und stabiler machten.
Auffällig ist vor allem das enorme Schulterblatt. Vergleiche mit nahe verwandten Dinosauriern deuten auf eine Körperlänge im Bereich von ungefähr 23 bis 28 Metern hin. Grundlage dafür sind gemessene Knochen, die mithilfe eng verwandter Arten mit vollständigeren Skeletten hochskaliert wurden.
„Das neue Exemplar bereichert die Vielfalt der Mamenchisauridae und liefert zusätzliche Informationen zum Verständnis der Evolution und Diversität von Eusauropoden-Dinosauriern“, schrieb Xuefang Wei vom Chengdu Center of China Geological Survey.
Vermessung von Tongnanlong zhimingi
Die Gesamtlänge aus einem unvollständigen Skelett abzuleiten, ist heikel. Gerade Sauropodenhälse sind in Fossilfunden selten komplett erhalten, und fehlende Abschnitte können Rekonstruktionen spürbar nach oben oder unten verschieben.
Eine neuere Studie zeigte, dass die meisten berühmten Sauropodenhälse unvollständig sind – und damit jede Ganzkörperrekonstruktion mit zusätzlicher Unsicherheit behaftet bleibt.
Das Team zu Tongnanlong zhimingi ging damit um, indem es mehrere plausible Schätzungen absteckte und eine bewusst vorsichtige Spannweite angab.
Im Zentrum ihrer Grössenabschätzung stehen lange Knochen wie das Schulterblatt (Scapula) und das Wadenbein (Fibula). Bei verwandten Dinosauriern korrelieren diese Elemente vergleichsweise gut mit der Gesamtkörperlänge.
Das Ergebnis lässt sich knapp zusammenfassen: Selbst die konservative Schätzung macht Tongnanlong zhimingi zu einem ausgesprochen grossen Tier.
Was einen Mamenchisauriden ausmacht
Typisch für diese Gruppe sind lange, robuste Halswirbel und luftdurchsetztes Knochengewebe, das Gewicht sparte. So liessen sich grosse Reichweiten mit dem Hals erreichen, ohne den Körper übermässig zu belasten.
Ausserdem wird Tongnanlong innerhalb der Eusauropoda eingeordnet, einer grossen Gruppe, zu der die meisten „klassischen“ Sauropoden zählen. Grundlage ist eine Merkmalsmatrix aus Skelettcharakteren; die Auswertung verbindet Tongnanlong enger mit Mamenchisaurus als mit Omeisaurus.
Zur Einordnung des Fundes ist auch wichtig, dass die Suining-Formation bereits Qijianglong guokr geliefert hat, eine weitere langhalsige Form aus nahe gelegenen Schichten. In der Originalarbeit wurde betont, dass Qijianglong die Diversität des Spätjura in diesem Becken vergrössert.
Diese „Nachbarn“ sind deshalb bedeutsam, weil sie zeigen, dass mehrere grosse, langhalsige Entwicklungslinien im selben Gebiet und im gleichen Zeitfenster vorkamen. Tongnanlong ergänzt dieses Bild um einen deutlich massigeren Bauplan.
Verwandte von Tongnanlong zhimingi
Über Jahre vertraten einige Forschende die Ansicht, dass Ostasien im Jura von anderen Landmassen abgetrennt gewesen sei – die sogenannte East-Asian-Isolation-Hypothese, also die Idee einer faunistischen Isolation Ostasiens im Jura.
Dass Angehörige der Familie von Tongnanlong auch ausserhalb Ostasiens auftauchen, macht diese Erzählung komplizierter.
So stammt eine afrikanische Art namens Wamweracaudia keranjei aus den Tendaguru-Schichten in Tansania. Die Erstbeschreibung argumentierte, dass es sich dabei um einen Mamenchisauriden handelt – ein Hinweis auf eine breitere Verbreitung.
„Mamenchisauridae waren im Spätjura global verbreitet und nicht eine endemische Fauna, die zuvor als auf Ostasien begrenzt angesehen wurde“, schrieb Wei.
Warum Sauropoden so gigantisch werden konnten
Eine Körpergrösse dieser Dimension ist kein Zufall. Ein Bündel an Merkmalen – kleine Köpfe, lange Hälse und vogelähnliche Lungen – ermöglichte es Sauropoden, schnell zu fressen, effizient zu atmen und zugleich weniger Skelettmasse mit sich zu tragen.
Ein einflussreiches Modell beschrieb dies als evolutionäre Kaskade: Jedes Merkmal erleichterte den nächsten Vorteil, und der Prozess begünstigte immer grössere Körper.
Eine frühere, fachübergreifende Übersichtsarbeit kam zu einer vergleichbaren Schlussrichtung. Sauropoden vereinten schnelles Wachstum, effektive Atmung und eine hohe Reproduktionsleistung in einer Weise, die kein Landsäugetier je erreichte.
Vor diesem Hintergrund wirkt Tongnanlongs Körpermasse nachvollziehbar: Luftgefüllte Wirbel und verstärkte Neuralfortsätze passen zu dem Muster eines evolutionär auf Grösse „ausgelegten“ Tieres.
Gigantismus verändert zudem das Verhältnis von Risiko und Nutzen. Sehr grosse Pflanzenfresser haben weniger Fressfeinde zu fürchten, benötigen dafür aber verlässliche Nahrungsressourcen und genügend Raum zur Fortbewegung.
Was die Gesteine verraten
Tongnanlong zhimingi stammt aus der Suining-Formation, einer spätjurassischen Sedimenteinheit im Sichuan-Gebiet mit purpur- bis rötlichen Tonsteinen und Sandsteinen. Der Fundhorizont mit welliger Sandstruktur deutet auf ein Seeufermilieu in einem eher trockenen Klima hin.
Eine solche Umgebung hätte Vegetation vor allem gebündelt entlang der Wasserränder bereitgestellt. Zugleich hätte sie Kadaver rasch konservieren können, wenn Überschwemmungen Sand über den Uferbereich verteilten.
Der Fossilfund lag bei der Einbettung nahezu in anatomischer Lage, was nahelegt, dass die Überreste vor der Ablagerung nicht weit transportiert wurden. Das stärkt die Verbindung zwischen den Knochen und dem lokalen Lebensraum.
Aus der Suining-Formation sind ausserdem Süsswasser-Muscheln (Bivalvia), Muschelkrebse (Conchostraca) und Schildkröten bekannt. Zusammen zeichnen diese Fossilien das Bild eines Systems aus verbundenen Seen und Flachwasserzonen.
Erkenntnisse aus Tongnanlong zhimingi
Tongnanlong schliesst eine wichtige Lücke im spätjurassischen Fossilarchiv des Sichuan-Beckens. Der Fund zeigt, dass wirklich riesige Mamenchisauriden dort gleichzeitig mit kleineren, langhalsigen Verwandten vorkamen.
Zugleich stützt er eine grössere biogeografische Einordnung, indem ostasiatische Formen mit Verwandten weit im Westen in Beziehung gesetzt werden. Diese breitere Verbreitung schwächt einfache Isolationsnarrative.
Künftige Arbeiten werden prüfen, ob die Grösse von Tongnanlong zhimingi lokale Bedingungen, grössere Klimaveränderungen oder Trends auf Ebene der Abstammungslinie widerspiegelt. Zusätzliche Knochen, insbesondere von Schädel und Hals, würden das Bild deutlich schärfen.
Vorerst ist die Aussage klar und bewusst eng gefasst: Ein gigantischer Mamenchisaurid lebte an den urzeitlichen Ufern dessen, was heute Chongqing ist.
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