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Michelangelo und Brustkrebs an der Decke der Sixtinischen Kapelle

Mann mit Buch studiert in historischem Raum ein Wandbild einer antiken, nackten Frauenstatue mit Scheitelhaube.

Seit Jahrhunderten drängen sich Gläubige und Neugierige, um ehrfürchtig zur Decke der Sixtinischen Kapelle aufzublicken – auf Michelangelo Buonarrotis Neuinterpretation von Szenen aus der Genesis.

Kaum jemand dürfte bemerkt haben, dass unter den rund 300 Figuren eine dargestellt ist, die dem baldigen Tod geweiht scheint.

Ein medizinischer Befund in Farbe: Brustkrebs an der Decke der Sixtinischen Kapelle

Eine detaillierte Untersuchung einer weiblichen Brust, gemalt im zweiten Gewölbefeld, kommt zu dem Schluss, dass ihre ungewöhnlichen Merkmale auf fortgeschrittenen Brustkrebs hindeuten. Demnach wäre dies eine Krankheit, die der Künstler nicht nur gekannt haben dürfte, sondern bewusst dargestellt haben könnte.

Ein internationales Expertenteam vereinte Perspektiven aus Kunstgeschichte, Medizin und Genetik. Gemeinsam analysierten sie den Gesundheitszustand einer fiktiven, halbnackten Frau in einer Szene zur biblischen Sintflut – und stellten Überlegungen an, weshalb sie dort erscheint.

Entstehung des Freskos und Michelangelos anatomische Erfahrung

Die Arbeiten an der Decke begannen 1508 im Auftrag von Papst Julius II. Insgesamt benötigte das Projekt vier Jahre, um die zahlreichen Szenen aus dem Alten Testament, Darstellungen von Propheten und weitere bekannte biblische Ereignisse auszuführen.

Michelangelo war zu diesem Zeitpunkt ein erfahrener Künstler in seinen dreissiger Jahren. Obwohl er die enorme Aufgabe nur widerwillig annahm, brachte er jahrelange Praxis im Bildhauen mit – insbesondere beim Modellieren von Anatomie und beim Festhalten aussergewöhnlich feiner Details.

Vor diesem Hintergrund lässt sich die Beobachtung einer vermeintlichen Deformierung an der Brust einer Figur nicht einfach als zufälliger Fleck einer unerfahrenen Hand abtun.

Hinweise in der Sintflut-Szene: Symbolik und klinische Merkmale

Für Laien ist die Frau lediglich eine von vielen erschöpften Gestalten, die vor dem steigenden Wasser fliehen, das Gott gesandt haben soll, um die Welt von Sünde zu reinigen. Kunsthistoriker verweisen hingegen auf den blauen Farbton ihres Kopftuchs als Hinweis auf ihren Ehestand; zudem deute ihr Finger, der zur Erde weist, darauf hin, dass ihre Rückkehr zu Staub unmittelbar bevorstehe.

Medizinische Fachleute konzentrierten sich auf die rechte Brust: Sie wirkt geprägt von Alter und Mutterschaft, zeigt eine Schattierung, die auf eine eingezogene Haut um den Warzenhof hindeutet, sowie dezente Schwellungen im oberen Quadranten und in der Nähe der Achsel. Wäre dies eine Fotografie in einer Patientenakte, würden diese Merkmale insgesamt stark für Brustkrebs sprechen.

Dass Brustkrebs bei einem vergleichsweise jungen Subjekt wie diesem auftreten kann, liesse sich durch die Vererbung von Hochrisikogenen erklären – von denen einige in Europa bis in vergangene Jahrhunderte zurückverfolgt wurden.

Durch den Vergleich der auffälligen Details mit der anderen Brust derselben Frau sowie mit zahlreichen weiteren Figuren im Fresko war das Team überzeugt, dass die Gestaltung so einzigartig sei, dass sie als absichtlich gelten müsse.

Restaurierungen, Vorlagen und Michelangelos Verhältnis zu Krankheit und Tod

Im Lauf der Jahrhunderte wurde die Decke mehrfach bearbeitet und restauriert, um Farbe und Detailreichtum zu erhalten – darunter eine umfassende Überarbeitung im späten 20. Jahrhundert. Der Vergleich historischer Fotografien der Szenen zeigt jedoch, dass sich die ursprüngliche Form und Schattierung der Brüste nicht wesentlich verändert hat.

Michelangelo war mit Tod und Krankheit vertraut. Anders als viele Künstler seiner Zeit, die ihre Fertigkeiten an lebenden Modellen schulten, nahm er seit seiner Jugend an Sektionen teil. Dadurch entwickelte er ein Verständnis dafür, wie der Körper auf mechanischer Ebene funktioniert.

Die Forschenden widersprechen der Vermutung, der Künstler habe die Pathologie naturgetreu von einem Modell mit Brustkrebs übernommen – oder sogar einen männlichen Körper als Vorlage benutzt und mit unpassender Anatomie umgeformt.

„Michelangelo griff bei der Darstellung der Geschichte der Genesis nicht auf ein lebendes Modell (oder lebende Modelle, ob männlich oder weiblich) zurück“, schreibt das Team.

„In der Szene werden keine realistischen Porträts gezeigt. Vielmehr handelt es sich um die Komposition einer Idee auf Grundlage der biblischen Erzählung – mit idealisierten Gesichtern und Körpern.“

Möglicherweise ist dies nicht einmal Michelangelos einzige Darstellung dieser Krankheit. Jahre später meisselte er für das Grabmal von Giuliano de' Medici eine weibliche Allegorie der Nacht, deren Brust ähnlich verzerrt wirkt – ein Detail, das Onkologen bereits im Jahr 2000 auffiel.

Mögliche Bedeutung: Vergänglichkeit und Strafe

Falls Spuren von Brustkrebs tatsächlich mit Bedacht in das Meisterwerk eingearbeitet wurden, stellt sich die Frage nach dem Zweck.

„Die Darstellung eines wahrscheinlichen Brustkrebses ist mit dem Konzept der Vergänglichkeit des Lebens verknüpft und besitzt die Bedeutung einer Strafe“, vermuten die Forschenden.

Als Verkörperung von Sünde in Gestalt einer tödlichen Krankheit blieb dieses Symbol in der Sixtinischen Kapelle lange Zeit von vielen unbeachtet. Noch Jahrhunderte später erstaunt Michelangelos besondere Gabe, den menschlichen Körper zu verstehen.

Die Studie wurde in The Breast veröffentlicht.

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