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Riesige Steinkrüge in Laos: Fundplatz 75 enthüllt ein Massengrab

Frau untersucht archäologische Artefakte in großen, moosbedeckten Tonkrügen auf offenem Feld mit Hügeln im Hintergrund.

Seit fast hundert Jahren geben archäologischen Teams Tausende riesiger Steinkrüge im laotischen Hochland Rätsel auf. Aus massivem Fels herausgearbeitet und mehrere Tonnen schwer, stehen sie in Gruppen in der Landschaft – doch die allermeisten sind leer.

Gerade diese Leere machte es bislang nahezu unmöglich, ihren Zweck sicher zu bestimmen. Nun hat ausgerechnet eines der grössten Exemplare endlich einen entscheidenden Hinweis geliefert.

Als Forschende das Innere ausgruben, stiessen sie auf dicht gepackte Knochen von Dutzenden Menschen. Damit gibt es so klare Belege wie nie zuvor, dass zumindest ein Teil dieser geheimnisvollen Gefässe als gemeinschaftliche Bestattungsorte diente.

Knochen im riesigen Steinkrug

Die Ausgrabung fand an einem Ort statt, der als Fundplatz 75 in der Provinz Xieng Khouang bekannt ist, rund 69 Kilometer nordöstlich der Stadt Phonsavan. Dort steht einer der grössten bislang dokumentierten Steinkrüge der Region – am Boden fast 2,13 Meter breit.

Über drei Grabungssaisons hinweg räumten der Archäologe Nicholas Skopal von der James Cook University (JCU) in Australien und sein Team den Inhalt des Kruges schrittweise frei. Was sie dabei zutage förderten, war weder Sediment noch Getreide: Es waren Knochen – sehr viele.

Im Inneren lagen eng zusammengedrängt die durcheinandergeratenen Überreste von mindestens 37 Personen. Dazwischen fanden sich ein Eisenmesser, ein kleines Glöckchen aus Kupfer, zerbrochene Keramik sowie verstreute Glasperlen.

Ein Rätsel mit langer Geschichte

Ernsthafte Aufmerksamkeit erhielten die Krüge erstmals in den 1930er-Jahren, als die französische Archäologin Madeleine Colani die Region untersuchte und sie zu Hunderten erfasste. Heute sind über das Plateau verteilt mehr als 120 Fundorte bekannt.

Wozu die Krüge dienten, blieb dennoch offen. Frühe Besuchende vermuteten Vorratsbehälter für Nahrung oder Wasser; später setzten sich Forschende zunehmend mit einer düsteren Möglichkeit auseinander: einem Zusammenhang mit den Toten.

An einigen anderen Orten waren bereits verbrannte Knochen und Zähne in einzelnen Krügen entdeckt worden. Eine Untersuchung in der Nähe brachte die Gegend zudem mit Sekundärbestattungen in Verbindung – einer Praxis, bei der ein Leichnam in mehr als einem Schritt behandelt wird, statt einmalig bestattet und dann belassen zu werden.

Die entwirrten Überreste

Eine so grosse Menge vermischter Knochen zu sortieren, ist eine langsame und sorgfältige Aufgabe. Das Team zählte mehrfach vorkommende Körperteile, um die Zahl der Bestatteten abzuschätzen; die Zähne lieferten dabei die höchste minimale Gesamtzahl von 37 Individuen.

Die Altersverteilung umfasste nahezu das gesamte Leben: Kinder ab etwa 18 Monaten lagen neben Jugendlichen und Erwachsenen. Diese Spannbreite deutet eher auf ganze Gemeinschaften hin als auf eine kleine, ausgewählte Gruppe.

Auffällig war auch die Anordnung: Schädel waren entlang der Ränder des Kruges platziert, während Bündel langer Knochen in der Nähe lagen. Eine solche Struktur entsteht nicht zufällig – die Überreste müssen bewusst niedergelegt worden sein.

Hinweise auf ein uraltes Ritual

Auch der Zustand der Knochen passt zu einer gezielten Platzierung. Sie waren trocken und voneinander getrennt; kleine, fragile Bestandteile, die einen frischen Körper zusammenhalten, fehlten. Das spricht dafür, dass die Verstorbenen zunächst anderswo verwesten, bevor ihre Knochen in den Krug überführt wurden.

Der Krug diente damit vermutlich als gemeinschaftliches Grab, das sich über Generationen hinweg allmählich füllte. Radiokarbondatierungen der Knochen weisen auf eine erstaunlich lange Nutzungsdauer hin – möglicherweise etwa 270 Jahre.

In unmittelbarer Nähe steht zudem eine Gruppe kleinerer Krüge. Merkwürdigerweise enthielten sie keinerlei menschliche Überreste. Eine mögliche Erklärung: In diesen kleineren Krügen könnten Leichname zunächst gelegen haben, während sie verwesten, und erst die gereinigten Knochen wurden anschliessend in den grossen Krug gebracht.

Alte Zähne als Spurenspeicher

Einige Zähne trugen absichtliche Veränderungen, die zu Lebzeiten vorgenommen wurden. Bei wenigen Personen waren bestimmte vordere Zähne gezielt entfernt worden – ein Brauch, der als Zahnablation bekannt ist und in dieser Zeit in weiten Teilen des südostasiatischen Festlands vorkommt.

Andere Studien verfolgen diese Praxis in der Region über Tausende Jahre zurück; das Entfernen bestimmter Zähne scheint dabei Identität oder Zugehörigkeit zu einer Gruppe angezeigt zu haben. Der Nachweis an diesem Ort verbindet die im Krug Bestatteten mit diesem grösseren kulturellen Zusammenhang.

Zugleich zeigten die Zähne Hinweise auf eine unauffällige Alltagsgesundheit. Karies trat in moderatem Ausmass auf, ungefähr im Rahmen anderer Fundorte aus dem weiteren Zeitraum – ein Indiz für eine Lebensweise, die in der Region verbreitet gewesen sein dürfte.

Handel bis ins Hochland

Die Glasperlen waren offenbar über enorme Distanzen in die laotischen Berge gelangt. Chemische Analysen ihrer Zusammensetzung entsprachen Glas aus Südasien; ein paar Stücke liessen sich bis nach Mesopotamien zurückverfolgen, und eine Perle stammt möglicherweise aus Südchina oder Nordvietnam.

Gerade diese Reichweite ist überraschend. Das Hochland von Laos war offenbar keineswegs so abgeschottet, wie manche angenommen hatten. Im Gegenteil: Die Gegend war in Handelsnetze eingebunden, die ganze Ozeane überspannten.

Die meisten Perlen passen in ein Zeitfenster zwischen etwa 900 und 1200 n. Chr., was mit den Datierungen aus den Knochen übereinstimmt. Einige Ausreisser könnten darauf hindeuten, dass der Krug auch später noch Besuchende und Gaben anzog.

Die Steinkrüge neu denken

Bis zu dieser Ausgrabung war in keinem dieser Gefässe eine so grosse Gruppe von Menschen gefunden worden, die viele Altersstufen und Generationen umfasste und gemeinsam im Inneren eines einzigen Kruges bestattet war. Krug 1 ist der erste Nachweis dieser Art – und er verändert die Deutung der gesamten Landschaft.

Die zahlreichen leeren Krüge auf den Hügeln müssen daher nicht unvollendet sein oder vollständig von Plündernden ausgeräumt worden sein. Viele könnten einst die Toten aufgenommen haben, deren Überreste später verwitterten, entfernt wurden oder von trauernden Familien wieder mitgenommen wurden.

Forschende an der Australian National University (ANU) untersuchen die Knochen inzwischen detaillierter und gewinnen daraus alte DNA. Diese Arbeit könnte letztlich zeigen, wer diese Menschen waren und in welchem Verwandtschaftsverhältnis sie zueinander standen.

Die Steinkrüge haben ihr Geheimnis lange bewahrt – doch nun beginnt es sich zu lüften.

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