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Inseln: Wie menschlicher Einfluss Biodiversität, Aussterben und Arteinführungen prägt

Frau mit Notizbuch beobachtet Strand und Insel mit eingeblendeten prähistorischen Tieren.

Inseln gelten seit Langem als natürliche Freiluftlabore, in denen sich Evolution und Ökologie besonders gut beobachten lassen – von Darwins Evolutionstheorie bis hin zum Konzept der Inselbiogeografie.

Neue Forschung zeigt nun, dass viele der Biodiversitätsmuster, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Inseln seit Jahrhunderten untersuchen, keineswegs ausschliesslich „natürlich“ sind.

Vielmehr tragen sie ein tiefes Erbe menschlicher Eingriffe in sich, das sich über Tausende Jahre zurückverfolgen lässt.

In der von der Universität Birmingham geleiteten Studie wurde analysiert, wie Aussterbeereignisse und die Einschleppung neuer Arten Inselökosysteme über Jahrtausende hinweg umgeformt haben.

Die Auswertung macht deutlich, dass Inseln einen extrem unverhältnismässigen Anteil am weltweiten Verlust biologischer Vielfalt tragen.

Ein erschreckend hoher Anteil am globalen Aussterben

Endemische Inselarten stehen für etwa 75 Prozent aller weltweit erfassten, vom Menschen verursachten Aussterben – obwohl Inseln nur einen kleinen Teil der gesamten Landfläche der Erde ausmachen.

Gleichzeitig haben viele Inseln enorme Mengen an Arten gewonnen, die von anderen Regionen der Welt eingeführt wurden.

Teilweise erreichen diese Neuzugänge heute die Zahl der ursprünglich dort vorkommenden Arten – oder übertreffen sie sogar. Besonders drastisch zeigt sich das auf Hawaii.

Dort ist nahezu der gesamte Bestand endemischer Vogelarten ausgestorben, während in etwa die gleiche Anzahl an Vogelarten aus anderen Teilen der Welt eingebracht wurde.

Ein klar erkennbarer menschlicher Einfluss

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass viele Biodiversitätsmuster, die heute auf Inseln beobachtet werden – etwa Artenreichtum, Endemismus oder ökologische Wechselbeziehungen zwischen Arten –, nicht allein durch natürliche ökologische und evolutionäre Prozesse entstanden sind.

Oft spiegeln sie stattdessen eine lange, menschliche Prägung wider, die sich über ältere Muster gelegt hat – und sie mancherorts sogar ersetzt.

„Islands have played a central role in the development of ecological and evolutionary theory,“ sagte der Erstautor der Studie, Thomas J. Matthews von der Universität Birmingham.

„However, many of the biodiversity patterns we observe today have been shaped not only by natural processes but also by thousands of years of human-driven extinctions, species introductions and environmental change.“

„We know that these human actions have substantially affected island environments. What we show in this study is a different kind of impact – that human actions have also substantially altered our understanding of the natural world.“

„Many current ecological and evolutionary patterns observed on islands reflect not just natural processes but also a legacy of human-induced change spanning millennia.“

Aussterben wird durch eingeführte Arten überdeckt

Zu den eher kontraintuitiven Resultaten gehört, dass eingeschleppte Arten reale ökologische Schäden kaschieren können.

Weil eingeführte Arten zahlenmässig häufig die verschwundenen Arten „ersetzen“, beherbergen viele Inseln heute insgesamt ebenso viele – oder sogar mehr – Arten als vor dem Eintreffen des Menschen.

Unter dieser scheinbar stabilen Gesamtzahl verbergen sich jedoch erhebliche Verluste an einheimischer Biodiversität sowie an den ökologischen Funktionen, die die ursprünglichen Arten früher erfüllten.

Für den Naturschutz ist diese Unterscheidung von zentraler Bedeutung.

Eine reine Artenzahl kann ein geschädigtes Inselökosystem gesund erscheinen lassen. Tatsächlich können aber die konkreten Beziehungen und Funktionen, die dieses System einst prägten, vollständig verschwunden sein – ersetzt durch eine andere, häufig ökologisch weniger vielfältige Artengemeinschaft.

Inseln beginnen einander immer ähnlicher zu werden

Die Mitautorin Sandra Nogué, Forscherin an der Universitat Autònoma de Barcelona, verwies auf ein übergeordnetes Muster, das sich aus dieser Dynamik ergibt.

„Overall, we found that the extinction of endemic species, combined with the introduction of plants and animals that are widespread elsewhere in the world, is making islands increasingly homogeneous and more similar to one another.“

Diese Homogenisierung steht im Gegensatz zu dem, was Inseln historisch so interessant gemacht hat: ihre Isolation und die einzigartigen Arten, die sich gerade dadurch entwickeln konnten.

Wenn einheimische, isoliert entstandene Arten verschwinden und durch denselben kleinen Kreis weit verbreiteter, immer wieder eingeführter Arten ersetzt werden, die auf Insel um Insel auftauchen, geht diese Besonderheit Schritt für Schritt verloren.

Wissenslücken erschweren die Einordnung

Die Sicherheit der Forschung ist nicht für alle Artengruppen gleich hoch. Bei bestimmten Gruppen – vor allem bei Vögeln und Säugetieren – ist vergleichsweise gut bekannt, welche Biodiversität Inseln im Laufe der Zeit tatsächlich eingebüsst haben.

Für viele andere Gruppen fehlt dieses Wissen bislang jedoch, wodurch es wirklich schwer ist, belastbare Ausgangswerte für die Biodiversität vor dem Einfluss des Menschen festzulegen.

Erschwerend kommt hinzu, dass der menschliche Einfluss auf manchen Inseln bereits vor Tausenden Jahren begann.

Dadurch wird es für Forschende zunehmend schwieriger, sauber zu trennen, was natürlich entstanden ist und was in Wahrheit eine Spätfolge sehr früher menschlicher Aktivitäten darstellt.

Neue Werkzeuge zur Rekonstruktion der Vergangenheit

Die Publikation nennt mehrere etablierte und neu entstehende Ansätze, mit denen sich diese vor-menschlichen Ausgangswerte der Biodiversität präziser rekonstruieren lassen.

Dazu zählen Fossilfunde, Analysen alter DNA, Museumssammlungen, historische Aufzeichnungen und fortgeschrittene ökologische Modellierungen.

Nach Ansicht des Forschungsteams ergibt erst die Kombination dieser Methoden ein deutlich genaueres Bild davon, wie sich die Biodiversität von Inseln über die Zeit tatsächlich verändert hat.

„New datasets, analytical tools, and palaeoecological evidence are giving us unprecedented opportunities to better understand the natural history of island ecosystems,“ sagte Matthews.

„By integrating these different sources of information, we can develop a clearer picture of how biodiversity patterns have been transformed as well as the ways in which they might be restored or conserved in the future.“

Konsequenzen für den Naturschutz

Die Bedeutung reicht weit über rein akademisches Interesse hinaus und betrifft die konkrete Planung von Naturschutzmassnahmen.

Globalisierung, internationaler Handel und Veränderungen der Landnutzung formen Inselökosysteme weltweit weiterhin um.

Je besser nachvollziehbar ist, wie natürliche Prozesse und menschengemachte Einflüsse zusammengewirkt haben, um die heutigen Biodiversitätsmuster hervorzubringen, desto wichtiger wird dieses Wissen für die Entwicklung wirksamer Schutzstrategien.

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