Das Turiner Grabtuch ist ein Leinengewebe von rund 4,4 Metern Länge (etwa 14 Fuß), auf dem sich schwach das Vorder- und Rückseitenbild eines Mannes abzeichnet, der den Anschein erweckt, gekreuzigt worden zu sein. Millionen Menschen sind überzeugt, dass es den Leichnam Jesu umhüllt habe.
Aus auf dem Tuch verbliebenen DNA-Spuren ging hervor, dass der stärkste menschliche Abdruck zu einem Wissenschaftler gehörte, der das Tuch 1978 in der Hand hatte.
Eine Forschungsgruppe unter Leitung von Gianni Barcaccia hat genetisches Material aus offiziellen Proben entschlüsselt, die vor fast 50 Jahren vom Grabtuch entnommen worden waren. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.
Statt der zuvor am Tuch eingesetzten Methode, bei der DNA gezielt vervielfältigt und auf bestimmte Abschnitte „abgezielt“ wird, nutzte das Team ein Verfahren, das sämtliche vorhandene DNA ausliest, ohne sie vorab selektiv auszuwählen.
DNA des Probennehmers dominierte die Proben
Drei der Proben lieferten klare menschliche Profile mit hoher Sicherheit. In allen drei Fällen deuteten die Daten auf dieselbe Person hin.
Eine Verwandtschaftsanalyse brachte diese Profile mit dem Mann in Verbindung, der die Proben 1978 eingesammelt hatte: dem inzwischen verstorbenen Pierluigi Baima Bollone, Professor für Rechtsmedizin an der Universität Turin. Die Übereinstimmung war so eng, dass entweder dieselbe Person oder ein Verwandter ersten Grades infrage kommt.
Baima Bollone ist als Mitautor in der Studie aufgeführt. Er starb im November 2025 in Turin, nur wenige Monate vor der Veröffentlichung.
Seine mitochondriale Linie – ein Zweig namens K1a1b1a, der besonders häufig bei aschkenasischen Juden vorkommt – tauchte wiederholt in den Daten auf. Diese Häufung gilt den Autorinnen und Autoren als anschauliches Beispiel dafür, wie umfassend die DNA eines einzelnen Menschen einen Gegenstand überziehen kann, wenn er ihn immer wieder berührt.
Wie viele Menschen berührten das Grabtuch?
Neben den dominanten Spuren wurden auch schwächere menschliche Linien sichtbar. Eine davon ist heute selten und findet sich vor allem bei Gruppen aus dem Nahen Osten, etwa bei den Drusen.
Auffällig war zudem eine ungewöhnlich hohe Zahl gemischter mitochondrialer Signale – ein Muster, das typischerweise entsteht, wenn sehr viele unterschiedliche Personen dieselbe Oberfläche anfassen.
Das Autorenteam wertet dies als Hinweis auf Kontakt mit mehreren Individuen, wodurch es nahezu aussichtslos werde, ein einzelnes ursprüngliches Profil zuverlässig herauszulösen.
In dieselbe Richtung deutete eine separate Proteinuntersuchung. Dabei fanden sich keinerlei alte Proteine, sondern ausschließlich Hautkeratine – was das Team eher als Zeichen intensiver Handhabung denn als Hinweis auf ein sehr hohes Alter interpretiert.
Mikroben zeigen Jahrhunderte des Anfassens
Das bakterielle Spektrum wirkte wie eine Bestandsaufnahme der menschlichen Hautflora. Cutibacterium und Staphylococcus – Mikroben, die bei praktisch allen Menschen im Gesicht und an den Händen leben – wurden in den Proben durchgängig nachgewiesen.
Die Archaeen zeichneten ein „salzigeres“ Bild. Die meisten gehörten zu einer Gruppe, die nur unter sehr salzhaltigen Bedingungen gedeiht. Das passt entweder zu einer Lagerung in salzhaltiger Umgebung oder zur historischen Praxis, Flachs in Salzwasser einzuweichen, um die Fasern zu lösen.
Eine Hefespezies fiel besonders auf. Sie wird üblicherweise auf Käserinden und in salziger Flüssigkeit gefunden; wie sie genau hierher gelangte, können die Forschenden nach eigenen Angaben nicht vollständig erklären.
Ein Haut- und Kopfhautpilz erschien in ausnahmslos jeder Probe – ein weiterer Hinweis darauf, dass Hände das Tuch immer wieder und über lange Zeit berührt haben.
Pflanzen-DNA weist nach Europa
Die pflanzliche DNA erwies sich als noch ungewöhnlicher als die menschliche. Mit großem Abstand am häufigsten war eine Art vertreten: die Karotte.
Karotte machte nahezu ein Drittel des pflanzlichen Signals aus, und ihre DNA ließ eine zeitliche Einordnung zu. Die Spuren ähnelten am stärksten orangefarbenen Karottensorten, die im Westen Europas im 15. und 16. Jahrhundert gezüchtet wurden.
Das spricht für Verunreinigungen, die nicht älter als das späte Mittelalter sind – und eher auf europäisches Pflanzenmaterial als auf Anbau in der Heiligen Land-Region hindeuten. Als nächstes folgte Brotweizen mit etwa einem Neuntel der Pflanzen-Leseabschnitte.
Danach erschienen Kulturpflanzen, die zeitlich nicht so weit zurückreichen können. Mais, Erdnüsse, Paprika, Tomaten und Kartoffeln sind in Amerika heimisch und waren in der Alten Welt vor Kolumbus unbekannt – aus Sicht der Autorinnen und Autoren ein echtes Rätsel für ein Tuch, das als 2.000 Jahre alt gilt.
Tier-DNA zeigt mediterrane Bezüge
Die tierischen DNA-Spuren ergänzten das Bild um einen Mittelmeerbezug. Den größten Einzelanteil stellte Rote Koralle, eine Art, die ausschließlich im Mittelmeer vorkommt und seit Jahrhunderten als Schmuck sowie in der Volksmedizin geschätzt wird.
Danach folgten Katzen und Hunde, jeweils mit rund einem Fünftel der tierischen Leseabschnitte. Es schlossen sich Hühner, Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine und Pferde an – typische Begleiter landwirtschaftlicher und ländlicher Lebenswelten.
Noch schwächer vertreten waren Wanderratten und Mäuse sowie Hautmilben, wie sie auf menschlichen Gesichtern leben. Insgesamt wirkt die Mischung eher mediterran und europäisch als altorientalisch.
Mit DNA lässt sich das Grabtuch nicht datieren
Trotz der Detailfülle kann die Genetik die zentrale Frage nicht entscheiden. Das Team stellt klar, dass diese Art Analyse keinen eindeutigen Beleg für einen mittelalterlichen Ursprung oder für ein Alter von 2.000 Jahren liefert.
Ein Teil der Einschränkung liegt in den Referenzbibliotheken. Der Pflanzenvergleich stützte sich auf 126 Arten, und ein erheblicher Anteil der gewonnenen DNA war zu stark fragmentiert, um sie exakt zuzuordnen.
Eine frühere Radiokohlenstoffdatierung aus dem Jahr 1988 setzte das Leinen selbst in die Zeit zwischen 1260 und 1390 – ein mittelalterliches Ergebnis, das Befürworter eines höheren Alters bis heute aus statistischen Gründen bestreiten.
Datierbar war in dieser Studie jedoch Reparaturmaterial. Radiokohlenstoffmessungen an zwei Fäden aus der Kiste, in der das Grabtuch gelagert wurde, passen zu einem Brand von 1532 sowie zu Ausbesserungen in den Jahren 1534 und 1694, allesamt gut dokumentierte Ereignisse.
Das Turiner Grabtuch bewahrt biologische Geschichte
„The Shroud of Turin continues to fascinate historians, scientists and the public, and we’re thrilled to reveal new information about the biological complexity preserved within samples collected almost 50 years ago by applying new cutting-edge forensic DNA technologies,“ sagt Noemi Procopio, Professorin für Forensik an der University of Lancashire.
„The Shroud represents a rich archive of genetic information that has accumulated over centuries of human interaction and environmental exposure,“ so Procopio.
„While the DNA evidence cannot answer all the questions about the age or authenticity of the cloth, it provides novel insights into its biological history and demonstrates how advances in forensic science can unlock new information from historical artifacts.“
Finanziert wurde die Arbeit durch Fördermittel von Universitäten und Forschungsräten; Interessenkonflikte gaben die Autorinnen und Autoren nicht an.
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