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LiDAR enthüllt hunderte Geoglyphen im südwestlichen Amazonien

Person hält Tablet mit grüner digitaler Karte vor einer archäologischen Ausgrabungsstätte im Dschungel bei Sonnenuntergang.

Jahrhundertelang verbarg das geschlossene Blätterdach des Amazonas eine Landschaft, die von Menschenhand geformt worden war. Erst Laserimpulse, die aus Flugzeugen abgefeuert wurden, fanden ihren Weg durch winzige Lücken zwischen Blättern und machten Hunderte Kreise, Quadrate, Strassen und monumentale Gräben sichtbar. Die Anlageformen deuten darauf hin, dass im Südwesten Amazoniens bereits vor mehr als zwei Jahrtausenden ein weit verzweigtes Netz von Gemeinschaften existierte und florierte.

Wie konnten Laser unter den Wald blicken?

Zum Einsatz kam LiDAR – eine Technik, die Laserimpulse in Richtung Boden sendet und die Zeit misst, bis das Signal zurückkehrt. Ein Teil der Impulse passiert Zwischenräume in Blättern und Ästen; anschliessend können Programme die Vegetation digital „abziehen“ und so präzise Karten des bislang verborgenen Reliefs erzeugen.

Erfasst wurden rund 4.500 Quadratkilometer: lange Flugbahnen schnitten dabei in Streifen durch den Wald. Laut der in der Zeitschrift Nature veröffentlichten Studie legte die Auswertung 396 zuvor unbekannte Geoglyphen frei – ausserdem schnurgerade Strassen und weitere Geländeumgestaltungen, die auf präkoloniale Gesellschaften zurückgehen.

Wer errichtete die Geoglyphen in Amazonien?

Die Autorinnen und Autoren bringen die Befunde mit der sogenannten Aquiry-Zivilisation in Verbindung. Dieser Begriff wird von Forschenden genutzt, um ein multikulturelles Netzwerk zu beschreiben, das Teile des heutigen Brasilien, Peru und Bolivien umfasste. Der Name leitet sich von einer älteren indigenen Bezeichnung des Flusses Acre ab und bedeutet in einer arawakischen Sprache „Fluss der Kaimane“.

Der Archäologe Martti Pärssinen von der Universität Helsinki betont, dass Aquiry kein einheitliches Imperium gewesen sei, sondern ein Verbund miteinander verknüpfter Gemeinschaften. Sie bewohnten das Gebiet ungefähr zwischen 600 v. Chr. und 850 n. Chr., errichteten kollektive Wohnbauten und bauten Nahrungsmittel an – darunter Mais, Maniok, Kürbis sowie verschiedene Obstpflanzen.

Wozu dienten diese riesigen Anlagen?

Die Geoglyphen bestanden aus tiefen Gräben und erhöhten Erdaufschüttungen, die zu geometrischen Figuren angeordnet waren und sich über Dutzende Hektar erstrecken konnten. Nach Einschätzung der Forschenden sowie nach indigenen mündlichen Überlieferungen, die in der Studie zusammengetragen wurden, festigten solche Zentren Beziehungen zwischen Gemeinschaften, Führungspersonen und Wesen, die in ihren Weltbildern als bedeutsam galten.

  • Treffen zwischen Bewohnerinnen und Bewohnern verschiedener Gemeinschaften;
  • Zeremonien mit Musik, Tanz und gemeinsamen Mahlzeiten;
  • politische Entscheidungen und Verhandlungen zwischen Führungspersonen;
  • Wettkämpfe, Spiele und Demonstrationen von Grosszügigkeit;
  • Strassen, die Zentren und bewohnte Bereiche miteinander verbanden.

Dass keine Steintempel gefunden wurden, ist nicht gleichbedeutend mit fehlender Organisation oder mangelndem technischem Können. Da überwiegend mit Erde, Holz und anderen organischen Materialien gebaut wurde, ist vieles im Laufe der Zeit verschwunden. Was sich bis heute im Gelände abzeichnet – Gräben, Wege und Plattformen –, liefert deshalb die wichtigsten Hinweise auf das Ausmass dieser Gesellschaften.

Wie viele Menschen könnten dort gelebt haben?

Das Team geht davon aus, dass sich über ein Gebiet von etwa 183.000 Quadratkilometern mehr als 20.000 monumentale Strukturen verteilen. Ausgehend davon, wie viele Arbeitskräfte nötig gewesen sein müssen, um jedes Zentrum zu errichten und zu unterhalten, berechnete die Studie für die Blütezeit zwischen 100 und 300 n. Chr. eine Bevölkerung von 1,25 Millionen bis 3 Millionen Menschen.

Die Forschenden weisen darauf hin, dass es sich um eine Schätzung handelt, die auf der per LiDAR erkennbaren Verteilung basiert – nicht um eine direkte Zählung. Dennoch stützen die Nature-Ergebnisse weitere aktuelle Arbeiten, die dem früher verbreiteten Bild widersprechen, Amazonien sei vor dem Eintreffen der Europäer weitgehend menschenleer und kaum verändert gewesen.

Was verändert diese Entdeckung am Bild von Amazonien?

Nach Angaben der Universität Helsinki griffen diese Bevölkerungen auch in die Vegetation ein, indem sie landwirtschaftliche Flächen öffneten und nützliche Baumarten förderten – etwa Paranussbäume und Palmen. Pärssinen merkt an, dass dieser jahrhundertealte Einfluss sogar die Kohlenstoffspeicherung mitgeprägt haben könnte; ein Aspekt, der bei Untersuchungen zur Umweltgeschichte und zum Klima berücksichtigt werden sollte.

Warum die Zentren zwischen 850 und 950 n. Chr. aufgegeben wurden, ist weiterhin unklar – ebenso, welche Namen ihre Bewohnerinnen und Bewohner für sich selbst verwendeten. Neue Kartierungen könnten Antworten liefern, doch gleichzeitig kann Entwaldung Spuren vernichten, bevor sie wissenschaftlich untersucht sind. Den Wald zu schützen bedeutet daher, nicht nur Biodiversität zu bewahren, sondern auch ganze Kapitel menschlicher Geschichte.


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