Zwei im Atacama-Wüstenklima mumifizierte Menschen haben über rund fünf Jahrhunderte hinweg ein fehlendes Puzzlestück bewahrt: das bislang älteste in den Amerikas nachgewiesene DNA-Material des Pockenvirus. Der Fund verknüpft die Krankheit auf molekularer Ebene mit der europäischen Kolonisierung und zeigt, wie ein Erreger aus der Alten Welt indigene Gemeinschaften im Norden Chiles erreichte.
Was wurde in den chilenischen Mumien gefunden?
Eine in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Studie untersuchte Knochen von 13 Personen, die an der archäologischen Fundstelle Camarones 9 im Norden Chiles entdeckt wurden. Bei einer erwachsenen Frau und einem jungen Mann, beide dem Inka-Zeitraum zugeordnet, identifizierte das Forschungsteam Fragmente des Variola-Virus, des Auslösers der Pocken.
Mithilfe der Kombination aus Radiokarbonmethode (Kohlenstoff-14) und genetischen Analysen datierten die Forschenden die Infektionen in die Zeit zwischen 1492 und 1631 – also in die Kolonialzeit. Wie Shigeki Nakagome, Genetiker am Trinity College Dublin und Mitautor, erklärte, kam der Nachweis unerwartet: Die Gruppe habe eigentlich die genetische Geschichte der lokalen Bevölkerung untersucht und nicht gezielt nach alten Viren gesucht.
Wie weist die DNA auf einen europäischen Ursprung hin?
Die beiden rekonstruierten Virusgenome waren nahezu identisch. Das spricht dafür, dass beide Personen entweder von derselben Viruslinie infiziert wurden oder dass die Ansteckung im Rahmen eines einzelnen Ausbruchs erfolgte. Im Vergleich mit mittelalterlichen und modernen Proben ordneten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das chilenische Virus zwischen frühen europäischen Stämmen und Varianten ein, die in den darauffolgenden Jahrhunderten zirkulierten.
Der evolutionsbiologische Stammbaum deutete zudem darauf hin, dass sich diese Linie ungefähr um 1296 von einem anderen europäischen Virus abspaltete. Wären Pocken bereits vor der Kolonisierung in den Amerikas verbreitet gewesen, hätte man eine deutlich ältere genetische Trennung erwartet. Aus Sicht der Autorinnen und Autoren liefert der Befund damit die erste direkte molekulare Evidenz für eine Einschleppung durch europäischen Kontakt.
Warum verändert die Entdeckung das historische Wissen?
Koloniale Berichte schilderten zwar Epidemien nach dem Eintreffen der Spanier, doch diese Texte stammen überwiegend aus europäischer Perspektive und erfassten nicht die gesamte Verbreitung zwischen indigenen Gemeinschaften. Altes DNA-Material schafft hier eine unabhängige Quelle und eröffnet die Möglichkeit, Ereignisse zu untersuchen, die in schriftlichen Archiven nicht auftauchen. Zu den zentralen Ergebnissen zählen:
- Genetische Bestätigung, dass das Virus von aussen eingetragen wurde;
- Identifikation der bislang ältesten Pocken-Genome der Amerikas;
- Hinweis auf Übertragung in einer Gemeinschaft ohne bekannten schriftlichen Nachweis;
- Verbindung zwischen mittelalterlichen europäischen Stämmen und späteren Linien.
Anne Stone, Anthropologin an der Arizona State University und nicht an der Studie beteiligt, erklärte, die Arbeit stütze die Berichte über koloniale Epidemien. Frühere Untersuchungen – etwa eine 2016 in Current Biology publizierte Analyse – hatten bereits Pocken-DNA aus einer europäischen Mumie des 17. Jahrhunderts gewonnen und damit zur Rekonstruktion der jüngeren Virusentwicklung beigetragen.
Welche Folgen hatte die Pockenkrankheit für indigene Bevölkerungen?
Der erste dokumentierte Ausbruch in den Amerikas datiert auf 1518 und fiel in die Phase der spanischen Eroberung der Karibik. Da viele indigene Gruppen dem Erreger zuvor nicht ausgesetzt gewesen waren, verfügten sie über wenig immunologischen Schutz. Historische Schätzungen schreiben der Krankheit Millionen Tote zu – auch wenn die exakten Zahlen sowie die Grösse der vorkolonialen Bevölkerung weiterhin umstritten sind.
Dabei wirkten Pocken nicht isoliert. Seuchen, Gewalt, Versklavung, Vertreibung und die Zerstörung sozialer Strukturen zusammen führten zu einem beispiellosen demografischen Zusammenbruch. Die neuen Genome zeigen, dass das Virus selbst abgelegene Gemeinschaften im Norden Chiles erreichte – möglicherweise über bereits bestehende indigene Handels- und Mobilitätsrouten.
Was kann altes DNA-Material künftig noch beantworten?
Die Forschenden wollen weitere Virusspuren in anderen Regionen der Amerikas finden. Zusätzliche Genome könnten klären, wann einzelne Linien eintrafen, welche Wege sie nahmen und wie sie sich während der Ausbreitung veränderten. Zugleich trägt die Arbeit dazu bei, die Anpassung verwandter Viren besser zu verstehen – darunter mpox, das zur selben Gruppe der Orthopoxviren gehört.
Der Schutz archäologischer Fundstätten und die Förderung verantwortungsvoller Forschung sind damit besonders dringlich: Jedes DNA-Fragment kann Geschichten sichtbar machen, die durch Kolonisierung verdrängt wurden. Die Mumien von Camarones bestätigen nicht nur den Ursprung einer verheerenden Epidemie – sie machen auch deutlich, dass das erlittene Ausmass für indigene Gemeinschaften anerkannt, erforscht und niemals vergessen werden darf.
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