Baukolonnen, die Ungarns Autobahn M1 verbreitern, sind auf mehr als hundert Gräber und die Spuren einer kleinen Siedlung gestossen, die den Awaren zugeschrieben werden.
Dieses mächtige, nomadisch geprägte Volk beherrschte zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert grosse Teile Mitteleuropas.
Der Fund verankert eine längst verschwundene Gemeinschaft an einem exakt bestimmbaren Abschnitt, der bald unter Asphalt verschwinden wird. Damit lässt sich präziser einordnen, wer dort lebte – und zu welcher Zeit.
Awarenbestattungen bremsen Ausbau
Entlang der vorgesehenen Ausbaustrecke im Nordwesten Ungarns legten Sondierungsgräben dicht angeordnete Bestattungen frei, die in den sandigen Boden eingetieft waren.
Ausgehend von diesen Öffnungen dokumentierten Fachleute des Nationalen Archäologischen Instituts Ungarns jedes einzelne Grab und bestätigten die Zugehörigkeit des Gräberfeldes zur awarischen Zeit, bevor die Bauarbeiten weitergehen konnten.
Die gleichmässige Anlage und die Datierung verorten die Bestatteten in einem klar umrissenen mittelalterlichen Zeitfenster, statt nur vereinzelte, nicht zusammenhängende Funde zu liefern.
Gleichzeitig erklären die awarischen Gräber allein noch nicht, wie diese Gemeinschaft entstanden ist oder wie lange sie bestand – Antworten darauf müssen Hinweise jenseits des Friedhofs liefern.
Mittelalterliche Gräber in Reihen angelegt
Skizzen aus der Feldarbeit zeigten ein Reihengräberfeld: Die Gräber lagen in langen, geraden Linien, parallel zur künftigen Trasse der zusätzlichen Fahrspur.
Durch den Vergleich der Bestattungsformen und der Beigaben konnten Spezialisten den Friedhof innerhalb der Árpádenzeit im mittelalterlichen Ablauf verorten.
Die geradlinige Anordnung deutet zudem auf Planung hin: Familien nutzten offenbar wiederholt denselben Ort und hinterliessen Strukturen, die überdauerten, nachdem Namen und Erinnerungen verschwunden waren.
Sollten spätere Gräber ältere schneiden, ermöglicht eine präzise Kartierung, unterschiedliche Nutzungsphasen zu trennen, damit sich die Abfolge nicht zu einer unklaren Gesamtgeschichte vermischt.
Hinweise auf ein verschwundenes Dorf
Im Bereich der Siedlung zeichneten sich dunklere Verfärbungen im Sand ab – dort, wo einst Wände standen und wo Menschen Vorratsgruben ausgehoben hatten.
Die Anordnung dieser Gruben sowie Spuren von Gebäuden erlaubten es Archäologen, eher einen organisierten Grundriss nachzuzeichnen als nur verstreute Reste kurzfristiger Lager.
In den Schichten fanden sich nur wenige sich überlagernde Reparaturspuren, was die Vorstellung stützt, dass es sich um eine kleine awarische Gemeinschaft handelte, die den Platz nur relativ kurz nutzte.
Ohne zusätzliche Anhaltspunkte lassen sich aus den awarischen Bestattungen bislang jedoch nicht ableiten, ob politische Umbrüche, Krankheiten oder schlicht wirtschaftliche Gründe Familien zum Weiterziehen veranlassten.
Was die Awaren-Gräber preisgeben können
Skelettreste und Zähne aus einem Gräberfeld können Aufschluss über Ernährung, Verletzungen und Krankheiten geben – selbst dann, wenn niemand dauerhafte schriftliche Zeugnisse hinterlassen hat.
Das Sterbealter lässt sich unter anderem an verwachsenen Gelenken und abgenutzten Zähnen erkennen; verheilte Brüche weisen wiederum auf überlebte Unfälle oder Gewalt hin.
Auch chemische Signaturen im Zahnschmelz können Hinweise auf die Herkunft geben, weil lokales Wasser Spuren hinterlässt, die langfristig erhalten bleiben.
Falls die Bestattungen entlang der Autobahn M1 sowohl Einheimische als auch Zugezogene umfassen, könnte genau diese Mischung erklären, wie ein awarisches Reich in spätere Königreiche überging.
Ein Volk ohne eigene Überlieferung
Im frühen Mittelalter Europas tauchen die Awaren in Chroniken anderer häufiger auf als in eigenen Aufzeichnungen.
Gerade dieses Schweigen macht eine Wanderung von mehr als 3.000 Meilen (4.800 Kilometer) innerhalb nur eines Jahrzehnts noch schwieriger verständlich.
„Die Awaren sind das langlebigste der Steppenreiche in dieser Region, langlebiger als die bekannteren Hunnen oder Mongolen, und doch sind sie wenig verstanden“, sagte Professor Patrick J. Geary, emeritierter Geschichtsprofessor.
Für das Gräberfeld neben der M1 könnten daher selbst unscheinbare Bestattungen Details liefern, die in Erzählungen über Eliten oder in Kriegsberichten fehlen.
Genetische Verbindungen zur Mongolei
Forschende isolierten Genome von 66 Personen und stellten dabei starke Verbindungen zwischen awarischen Eliten und Steppenpopulationen in der Mongolei fest.
Indem alte DNA – in Knochen und Zähnen konserviertes Erbgut – analysiert wird, lassen sich weit entfernte Gruppen mit erstaunlicher Genauigkeit gegenüberstellen.
In der Untersuchung blieben frühe Eliten demnach rund 200 Jahre lang deutlich „östlich“ geprägt, während spätere Bestattungen stärkerer Durchmischung zeigten.
Für das Autobahn-Gräberfeld könnte DNA aus einfachen Gräbern prüfen, ob Neuankömmlinge vor Ort heirateten oder sich über Generationen hinweg abgrenzten.
Verborgene Strukturen kartieren
Bevor der Boden überhaupt geöffnet wurde, wertete das Team alte Karten und Luftbilder aus, um mögliche Hinweise auf unterirdische Mauerzüge zu finden.
Anschliessend fuhren Messwagen geophysikalische Prospektionen – also Scans, die verborgene Strukturen ohne Eingriff sichtbar machen – und registrierten kleinste Veränderungen im Boden.
Wenn die Instrumente ein Ziel markierten, legten Archäologen schmale Suchschnitte an und prüften, ob das Signal von awarischen Gräbern, Gräben oder Ablagerungen stammte.
Diese Abfolge reduziert Überraschungen, nimmt aber zugleich in Kauf, dass manches erst sichtbar wird, sobald der erste Baggerlöffel den Untergrund erreicht.
Späte Veröffentlichung der Funde
Nach Abschluss der Grabung blieben zahlreiche Objekte über Monate unter Verschluss, während sie getrocknet, stabilisiert und inventarisiert wurden.
Eisen korrodiert rasch, sobald es mit Luft in Kontakt kommt; deshalb entfernten Restauratoren den anhaftenden Boden schrittweise und versiegelten Oberflächen, um weiteren Zerfall zu bremsen.
Auch empfindliche Knochen mussten besonders vorsichtig behandelt werden, weil Risse sich beim Transport durch schwankende Temperatur und Luftfeuchtigkeit vergrössern können.
Erst nach Abschluss dieser Arbeiten wurden öffentliche Fotos gezeigt – die Verzögerung diente dem Schutz von Beweismitteln, die sich nicht ersetzen lassen.
Laboranalysen starten
In den Laboren sortieren Teams Keramikscherben, Metallfragmente und menschliche Überreste in beschriftete Schalen, sodass jedes Stück eindeutig einem Fundpunkt zugeordnet bleibt.
Fachleute können nun Gefässe rekonstruieren, Tierknochen aus Mahlzeiten bestimmen und Bodenproben einzelnen Gruben zuweisen.
Digitale Dokumentationen machen die Ergebnisse nachvollziehbar: Künftige Forschende können etwa eine Zeichnung erneut prüfen, auch wenn die Strasse längst eröffnet ist.
Dennoch bildet der Fundort nur einen Korridor ab – weitreichende Aussagen zur mittelalterlichen Geschichte Ungarns erfordern Vergleiche mit vielen weiteren Ausgrabungen.
Geschichte unter der Autobahn
Mehr als hundert Awaren-Gräber und die Reste eines kurzlebigen Dorfes verankern diesen Abschnitt im Nordwesten Ungarns nun in einem klar fassbaren Moment der frühmittelalterlichen Vergangenheit.
Während die Auswertung weiterläuft, könnten Bestattungen und Siedlungsspuren deutlicher machen, wie awarische Gemeinschaften lebten, wie sie Bestand hatten und wie sie schliesslich der folgenden politischen Ordnung wichen.
Informationen nach einem Artikel der Ungarischen Tagesnachrichten.
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