Hast du dich schon einmal davor gedrückt, etwas Neues auszuprobieren, weil du Angst hattest zu scheitern? Bei vielen Menschen nimmt diese Sorge bereits in der Kindheit ihren Anfang.
Ein einziger schneidender Satz von Eltern oder Lehrkräften kann sich über Jahre festsetzen. Mit der Zeit können solche Erinnerungen zu einer tief verankerten Angst vor dem Scheitern werden.
Eine neue Studie legt nahe, dass einfache Übungen mit mentalen Vorstellungsbildern helfen können, diese Angst zu verringern. Forschende der SWPS-Universität und des Nencki-Instituts für Experimentelle Biologie führten die Untersuchung durch und begleiteten die Teilnehmenden sechs Monate lang, um zu prüfen, ob die Effekte anhalten.
Wie Kindheitserinnerungen Angst prägen
Macht ein Kind einen Fehler, ist entscheidend, wie Erwachsene darauf reagieren.
Begegnen Bezugspersonen dem Kind mit heftiger Kritik oder Wut, kann sich daraus die Überzeugung entwickeln, dass Fehler bedeuten, wertlos oder nicht liebenswert zu sein. Diese Annahme bleibt oft im Hintergrund – wirkt aber umso stärker.
Später, im Erwachsenenalter, reichen dann manchmal schon kleine Patzer aus, um Scham, Schuldgefühle oder Angst wieder aufleben zu lassen. Manche Menschen meiden neue Herausforderungen, weil sie diesen inneren Schmerz nicht noch einmal spüren möchten.
Genau hier setzte das Team an: Es wollte herausfinden, ob sich die Angst, die an alte Erinnerungen gekoppelt ist, reduzieren lässt, wenn Menschen die Art verändern, wie sie sich diese Szenen innerlich vorstellen.
Tests mit jungen Erwachsenen
Untersucht wurden 180 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 35 Jahren, die allesamt mit einer ausgeprägten Angst vor dem Scheitern zu kämpfen hatten.
Die Teilnehmenden wurden auf drei Gruppen verteilt. Alle Gruppen nahmen über zwei Wochen hinweg an Therapiesitzungen teil.
Während der Studie erfassten die Forschenden sowohl subjektive Gefühlsangaben als auch körperliche Stressreaktionen. Um zu prüfen, wie stark der Körper belastet war, wurden feine Veränderungen der Schweissreaktion auf der Haut gemessen. Zusätzlich analysierte das Team Speichelproben, um weitere Hinweise auf Stress zu erhalten.
Ausserdem beantworteten die Teilnehmenden Fragebögen zu ihren Emotionen – vor der Behandlung, direkt danach sowie erneut nach drei und nach sechs Monaten.
Drei einfache Techniken mit mentalen Vorstellungsbildern
Jede Gruppe absolvierte eine andere mentale Übung.
In der ersten Gruppe stand eine Vorstellungs-Exposition im Mittelpunkt. Die Teilnehmenden riefen belastende Kindheitserinnerungen an Kritik erneut ab und richteten den Fokus dabei besonders auf die körperlichen Empfindungen, die diese Szenen auslösten.
Dabei sollte nichts an der Situation verändert und kein anderer Ausgang „herbeigedacht“ werden. Stattdessen ging es darum, die Erinnerung so zu konfrontieren, wie sie war.
Die zweite Gruppe arbeitete mit Vorstellungs-Umschreiben (Rescripting). Auch hier wurde dieselbe schmerzhafte Szene vorgestellt – diesmal trat jedoch eine therapeutische Person in die Erinnerung ein.
Diese Person unterbrach die Kritik und unterstützte das Kind. Sie setzte sich für das Kind ein und sorgte dafür, dass es sich sicher fühlen konnte.
Die dritte Gruppe nutzte ein ähnliches Vorgehen, wartete jedoch 10 Minuten, bevor die Erinnerung aktiv verändert wurde. Die Forschenden wollten prüfen, ob diese kurze Verzögerung das Aktualisieren der Erinnerung im Gehirn verstärkt.
Was sich nach der Therapie veränderte
In allen drei Gruppen zeigten sich Verbesserungen. Wenn die Teilnehmenden an das belastende Ereignis zurückdachten, fiel die körperliche Stressreaktion geringer aus als zuvor. Dieser Rückgang blieb auch Monate später stabil.
Auch auf der Gefühlsebene berichteten die Teilnehmenden von Veränderungen: Beim Denken an die Erinnerungen empfanden sie weniger Traurigkeit, Schuld, Ärger und Angst. Insgesamt sank die Angst vor dem Scheitern leicht.
„Die Studie zeigt, dass es möglich ist, die Intensität negativer Emotionen und der Erregung zu verringern, die mit Erinnerungen an Kritik in der Kindheit verbunden sind“, sagte die Mitautorin der Studie Julia Bączek, Psychologin am Institut für Psychologie der SWPS-Universität.
„Richtig ausgewählte Techniken können beeinflussen, wie diese Erinnerungen erlebt werden, und sie weniger belastend machen.“
Die Angst vor dem Scheitern gezielt verringern
Ein zentraler Befund betraf den sogenannten Vorhersagefehler. Damit ist gemeint, dass das Gehirn einen bestimmten Verlauf erwartet, dann aber etwas anderes erlebt.
Beim Vorstellungs-Umschreiben rechneten die Teilnehmenden innerlich mit erneuter Kritik. Stattdessen stellten sie Schutz und Unterstützung vor. Diese unerwartete Wendung erzeugte eine Art mentale Überraschung – und je stärker diese Überraschung ausfiel, desto deutlicher waren die Verbesserungen.
„Wir haben gezeigt, dass ein entscheidender Teil der vorstellungsbasierten Therapie darin besteht, eine Diskrepanz zwischen dem zu erzeugen, was der Patient erwartet, und dem, was in der neuen Erinnerung tatsächlich geschieht. Es ist diese Überraschung, die den Weg für eine nachhaltige therapeutische Veränderung ebnet“, merkte Mitautor Stanisław Karkosz an.
Mit Hoffnung nach vorn
Die Therapie wirkte vor allem auf die konkrete Erinnerung, mit der die Teilnehmenden gearbeitet hatten. Sie löste nicht automatisch jede weitere schwierige Erinnerung.
Trotzdem hielten die Verbesserungen über Monate an.
„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Art und Weise, wie wir schwierige Erinnerungen (einschliesslich solcher, die mit Scheitern zusammenhängen) erleben, verändern kann. Das bedeutet, dass vergangene Erfahrungen nicht auf eine feste, unveränderliche Weise emotional verarbeitet werden müssen“, sagte Bączek.
Die Studie macht damit Hoffnung, dass schmerzhafte Kindheitserinnerungen das Erwachsenenleben nicht dauerhaft bestimmen müssen.
Mit angeleiteten mentalen Übungen lässt sich verändern, wie sich diese Erinnerungen anfühlen. Die Vergangenheit kann Spuren hinterlassen – aber sie muss nicht über die Zukunft entscheiden.
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