Ein Holzschiff, das mehr als 300 Jahre lang unter der finnischen Stadt Oulu im Boden verborgen lag, ist auf eine Weise zurückgekehrt, mit der kein Archäologe gerechnet hätte. Teile des Wracks von Hahtiperä, die sich sonst nicht hätten erhalten lassen, wurden zu belastbaren Fasern verarbeitet – und daraus entstanden zwei nahtlose Strickkleider.
Wie wurde aus einem Schiffswrack ein Kleid?
Entdeckt wurde das Wrack 2019 bei Bauarbeiten unter einem Parkplatz im Bereich des ehemaligen Hafens von Oulu. Das Frachtschiff aus dem 17. Jahrhundert erhielt den Namen Hahtiperä. Der konservierte Abschnitt ist etwa 20 Meter lang und rund sieben Meter breit und soll im neuen Tiima Museum und Wissenschaftszentrum ausgestellt werden.
Allerdings liess sich nicht jedes Stück Holz bewahren. Statt die überschüssigen Teile zu entsorgen, wandte sich die Meeresarchäologin Minna Koivikko von der Finnischen Behörde für Kulturerbe an Forschende der Aalto-Universität. Ziel war es, herauszufinden, ob das historische Material eine neue Aufgabe bekommen kann, ohne die Verbindung zu seiner Vergangenheit zu verlieren.
Was ist die Ioncell-Technologie?
Möglich wurde der Materialwandel durch Ioncell, eine Technologie, die Forschende der Aalto-Universität und der Universität Helsinki entwickelt haben. Dabei wird ein ionischer Flüssigstoff genutzt, um die Zellulose aus dem Holz aufzulösen. Aus der so entstehenden Lösung werden anschliessend Filamente, Garne und Textilien hergestellt – ohne den Kohlenstoffdisulfid-Einsatz, der bei der klassischen Viskoseproduktion üblich ist.
Eine 2016 im Textile Research Journal veröffentlichte Studie stellte Ioncell als Alternative zur Herstellung zellulosischer Fasern mittels Trockenspinnen mit Nassstrahl vor. Dabei gelang es, gestrickte und gewebte Stoffe zu fertigen und zu zeigen, dass die Garne Eigenschaften besitzen, die für textile Anwendungen geeignet sind.
Wie wurde das Holz zu Stoff verarbeitet?
Vor der eigentlichen Verarbeitung entfernte das Team beschädigte Bereiche und äussere Verunreinigungen. Das verbleibende Holz wurde zerkleinert und zu einem zellulosereichen Faserbrei aufbereitet. Laut der Forscherin Inge Schlapp-Hackl enthielt das Material aus dem Wrack nur wenige Fremdstoffe und liess sich – trotz seines Alters – überraschend unkompliziert verarbeiten.
- Reinigung entfernte Sedimente und degradierte Holzbereiche.
- Zerkleinerung wandelte das historische Material in Zellulosebrei um.
- Auflösung erzeugte mit der ionischen Flüssigkeit eine Lösung.
- Spinnen machte aus der regenerierten Zellulose robuste Garne.
- Digitales Stricken fertigte die Stücke nahtlos und mit minimalem Verschnitt.
Das daraus gewonnene Garn wurde weich, langlebig und zeigte eine natürliche braune Färbung, die vom Holz herrührt. Die Designerin Anna-Mari Leppisaari arbeitete mit einer modernen Maschine sowie einem von Severi Uusitalo entwickelten KI-Werkzeug und produzierte zwei identische Kleider – ohne Nähte und nahezu ohne Restmaterial.
Ist das Material wirklich eine nachhaltige Alternative?
Die Ergebnisse deuten auf grosses Potenzial hin, doch wie nachhaltig das Verfahren ist, entscheidet sich über die gesamte Prozesskette. Eine 2020 in ACS Sustainable Chemistry & Engineering erschienene Arbeit untersuchte die Rückgewinnung des Ioncell-Lösungsmittels und zeigte, dass dessen Recycling ein zentraler Schritt ist, um Auswirkungen zu senken und eine spätere Produktion im grösseren Massstab zu ermöglichen.
Die Technologie wurde zudem bereits mit Zeitungspapier, getragener Kleidung, Holzzellstoff, Baumwollabfällen und sogar aus dem Verkehr gezogenen Banknoten erprobt. Neuere Studien befassen sich damit, auch Ioncell-Fasern selbst wiederholt weiterzuverwenden – als Ansatz für ein Kreislaufsystem, in dem zellulosebasierte Materialien in die Wertschöpfung zurückkehren, statt als Abfall zu enden.
Das Kleid verändert den Blick auf alte Objekte
Eines der Stücke wurde in der Ausstellung Tomorrow’s Wardrobe im Kunstmuseum Oulu gezeigt, während das identische Gegenstück für die Ausstellung Designs for a Cooler Planet an der Aalto-Universität vorgesehen war. Das Projekt verbindet Archäologie, Chemie und Design, um die Erinnerung an das Schiff zu bewahren, ohne so zu tun, als sei es unversehrt geblieben.
Mehr als eine modische Kuriosität wirft das Kleid eine drängende Frage zu dem auf, was wir wegwerfen. Wenn ein über Jahrhunderte unter Wasser gelegenes Holz noch zu einem anspruchsvollen Textil werden kann, könnten viele heutige Abfälle ebenfalls neue Möglichkeiten in sich tragen. Den Wert von Materialien heute neu zu bewerten, kann verändern, was künftig in Museen landet – und was auf Deponien.
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