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Winterspiele in Cortina: Der Winter wird unberechenbarer

Skifahrer in Rennkleidung fährt auf schneebedeckter Piste vor Bergen unter blauem Himmel.

Menschen kamen zu den Winterspielen nach Cortina in Italien und rechneten mit dem üblichen Februarszenario: dicke Mäntel, Handschuhe, Handwärmer – eben das komplette Winterpaket. Doch kaum waren sie draussen, zogen sie schon wieder Schichten aus.

„Ich bin definitiv davon ausgegangen, dass wir alle Lagen tragen würden“, sagte Jay Tucker, der aus Virginia angereist ist, um Team USA anzufeuern, und der sich zur Vorbereitung Handwärmer sowie beheizte Socken gekauft hatte. „Ich habe nicht einmal Handschuhe an.“

Diese kleine Momentaufnahme – offene Jacken, Handschuhe in die Taschen gestopft, Schnee, der von Dächern rutscht – steht für ein grösseres Problem: Auf den Winter ist immer weniger Verlass.

„Der Zeitpunkt von Kältephasen, die Verlässlichkeit von Schneefall und die Temperaturen selbst sind mit der Erwärmung des Planeten unbeständiger geworden“, sagte Shel Winkley, Meteorologe bei Climate Central.

Für den Wintersport ist diese Unberechenbarkeit nicht nur lästig. Sie ist ein operatives Thema.

Das Internationale Olympische Komitee hat bereits angedeutet, wie ernst die Lage ist: Wegen steigender Temperaturen könnte der Start künftiger Winterspiele von Februar auf Januar vorgezogen werden.

Cortinas veränderte Winterbedingungen

Zu Beginn der Winterspiele 2026 wirkte Cortina zunächst wie aus dem Bilderbuch: Die Stadt war von kräftigem Schneefall eingehüllt.

Doch schon am Sonntagnachmittag fühlte es sich für diesen Ort ungewöhnlich mild an. Die Temperatur stieg auf etwa 4,5 °C – und in der direkten Sonne wirkte es noch wärmer.

Das sei nicht einfach ein Fall von „Pech gehabt“ beim Wetter, argumentierte Winkley. Solche Februarmilde in Cortina sei durch den Klimawandel inzwischen mindestens dreimal so wahrscheinlich.

Auch der langfristige Trend zeigt in dieselbe Richtung: In den 70 Jahren seit Cortina erstmals Winterspiele ausrichtete, sind die Februartemperaturen dort um 3,6 °C gestiegen.

Damit hat sich selbst dann, wenn der Ort auf den ersten Blick winterlich aussieht, das Ausgangsniveau verschoben. Der Schnee kann zwar fallen, hält aber womöglich nicht mehr so wie früher. Das beeinflusst alles – von der Streckenpräparation über Sicherheitsentscheidungen bis hin zur Frage, ob Wettbewerbe im Zeitplan bleiben können.

Winterspiele an vielen verschiedenen Austragungsorten

Bei Mailand Cortina kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: die Geografie. Es sind die bislang am weitesten auseinandergezogenen Winterspiele, mit Wettkampfstätten in Regionen, die nicht dieselbe Wetterlage teilen.

Manche Orte liegen auf der Karte nahe beieinander, werden aber durch Geländeformen getrennt, die Bedingungen abrupt auseinanderdriften lassen.

Bormio und Livigno liegen zum Beispiel weniger als eine Autostunde voneinander entfernt – trotzdem kann ein hoher Gebirgspass dazwischen für deutlich unterschiedliches Klimaverhalten sorgen.

Das erschwert die Planung, weil man die Spiele nicht wie ein einziges, zusammenhängendes „Wettersystem“ behandeln kann. Tatsächlich müssen mehrere „Winterwelten“ gleichzeitig gemanagt werden.

Um Schritt zu halten, arbeitet das Organisationskomitee mit vier regionalen und provinzialen öffentlichen Wetterdiensten zusammen.

Sensoren wurden dort installiert, wo es entscheidend ist: nahe den Skisprungschanzen, entlang der alpinen Skipisten und am Schiessstand der Biathlonanlage.

Und dort, wo automatische Stationen nicht jede Nuance erfassen, stützt sich das Komitee auf Beobachter vor Ort – Menschen, die Pasotti als „Wissenschaftler des Schnees“ bezeichnete –, die bei schwierigen Bedingungen zusätzliche Daten sammeln.

Warmes Wetter weckt Sorgen

Matteo Pasotti, Wetterspezialist im Organisationskomitee, beschrieb die Idealbedingungen fast wie eine Wunschliste: klarer Himmel, schwacher Wind und niedrige Temperaturen an Renntagen, damit die Sicht gut bleibt und die Schneedecke stabil ist.

Doch Cortina hat bereits gezeigt, wie schnell dieses Ideal kippen kann. Für Zuschauer mag die Wärme eine angenehme Überraschung sein. Für Organisatoren und Athleten ist sie ein Warnsignal.

„Es ist tatsächlich ziemlich warm draussen. Wir haben erwartet, dass es deutlich kälter ist“, sagte Karli Poliziani, eine US-Amerikanerin, die in Mailand lebt.

Poliziani war mit ihrem Vater in Cortina – und der dachte sogar darüber nach, nur im Sweatshirt rauszugehen. Das würde für alle, die sich die Winterspiele als Tiefkühl-Event vorstellen, absurd klingen.

Pasotti verwies zudem darauf, dass die Vorhersagen andeuteten, während des Wettkampfzeitraums könnten weitere überdurchschnittlich warme Tage auftreten.

Das ist relevant, weil es im Wintersport nicht allein darum geht, ob Schnee vorhanden ist. Entscheidend ist auch, ob sich der Schnee so verhält, wie es die jeweilige Disziplin verlangt.

Prognosen beeinflussen den Wettkampf

Filippo Bazzanella, Leiter Sportservices und -planung im Organisationskomitee der Winterspiele, beschrieb, worum es geht: Wetterbedingungen beeinflussen sowohl einen reibungslosen Ablauf als auch die Sicherheit.

Wärme kann die Schneeschicht auf alpinen Strecken aufweichen, und für Rennen ist gute Sicht unverzichtbar. In Hallen und auf Eiskanälen können Feuchtigkeit und Wärme die Eisqualität beeinträchtigen – kein Nebenaspekt, wenn Athleten mit hohem Tempo unterwegs sind.

Fragt man jedoch, was am ehesten zu Änderungen im Zeitplan führt, nannte Bazzanella zwei typische Faktoren: Wind und Sicht.

Wind kann gefährlich sein oder Fragen der Fairness aufwerfen, wenn sich Bedingungen von Athlet zu Athlet verändern. Im Biathlon können selbst kleine Unterschiede entscheidend sein, weil diese Sportart Geschwindigkeit mit präzisem Schiessen kombiniert.

Mit anderen Worten: Wetter verändert nicht nur das persönliche Wohlbefinden. Es beeinflusst Resultate. Es kann darüber entscheiden, ob ein Wettkampf überhaupt stattfindet – und ob er unter gleichen Bedingungen abläuft.

Wettkämpfen unter unberechenbaren Bedingungen

Für Athleten ist das kein Problem der Zukunft, sondern längst Teil der Saison. Die US-amerikanische Skirennläuferin Jackie Wiles sagte, viele Rennen seien in diesem Jahr wegen der Wetterbedingungen schwierig gewesen.

„Ich habe das Gefühl, wir sind ziemlich gut darin, den Kopf im Spiel zu behalten, weil viele Leute dadurch sofort rausgenommen werden“, sagte sie vergangene Woche auf einer Team-Pressekonferenz.

„Mit dieser Haltung: Es wird eben so sein, wie es ist, und wir müssen trotzdem rausgehen und kämpfen wie die Hölle – egal was passiert.“

Diese Mentalität – das Chaos akzeptieren und fokussiert bleiben – kann Athleten helfen, bei den Winterspielen damit umzugehen. Sie löst aber nicht das strukturelle Problem. Wenn Warmphasen häufiger werden, Bedingungen schneller umschlagen und der Winter insgesamt weniger verlässlich ist, werden Winter-Sportarten diese Schocks weiterhin abfedern müssen.

Und Cortina, mit schmelzendem Dachschnee und Zuschauern ohne Handschuhe, liefert eine sehr sichtbare Erinnerung daran, wie das im echten Leben aussieht.

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