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Orakelknochen: Taifune, Überschwemmungen und Dürren in der Bronzezeit Chinas und die Shang-Dynastie

Historische Darstellung eines Mannes in traditioneller Kleidung, der Knochensplitter auf einer Tafel untersucht.

Vor mehr als 3.000 Jahren ritzten chinesische Herrscher Fragen wie „Wird dieser Regen günstig sein?“ in Rinderknochen und Schildkrötenpanzer. Heute helfen genau diese Inschriften Forschenden dabei, eine Abfolge von Taifunen, Überschwemmungen und Dürren zu rekonstruieren, die in der chinesischen Bronzezeit Wanderungsbewegungen, Bevölkerungsrückgänge und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen ausgelöst haben könnte.

Was die Orakelknochen über das Klima verraten

Die sogenannten Orakelknochen nutzte der Hof der Shang-Dynastie in Wahrsageritualen. Fragen zu Ernten, Kriegen, Krankheiten und Naturereignissen wurden in Schulterblätter von Rindern sowie in Schildkrötenpanzer eingraviert. Anschliessend erhitzte man die Stücke, bis Risse entstanden, deren Muster die Fachleute der Zeit deuteten.

In einer im März 2026 in der Zeitschrift Science Advances veröffentlichten Studie wertete ein Forschungsteam Angaben aus mehr als 55.000 Fragmenten aus, die auf den Zeitraum zwischen 1250 und 1046 v. Chr. datiert sind. In den Texten zeigte sich, dass in den letzten Jahrhunderten der Shang-Dynastie deutlich häufiger Anfragen zu Starkregen und wasserbezogenen Katastrophen gestellt wurden.

Wie Küstentaifune das Binnenland Chinas trafen

Für die Analyse kombinierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler archäologische Befunde, alte Inschriften sowie Klimamodelle, die auf künstlicher Intelligenz und physikalischen Prinzipien beruhen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass zwischen 1850 und 1350 v. Chr. stärkere Taifune weiter nach Norden vordrangen und grosse Feuchtigkeitsmengen bis in die Zentralebenen transportierten – eine Region weit entfernt von der Küste.

Wenn diese Sturmsysteme dort auf andere Luftmassen und atmosphärische Strukturen trafen, konnten sie extreme Niederschläge und Überschwemmungen in dicht besiedelten Gebieten auslösen. Für landwirtschaftlich geprägte Gemeinschaften bedeuteten zerstörte Felder, Häuser und Kanäle nicht nur Ernteausfälle, sondern auch Nahrungsmangel, erzwungene Ortswechsel und zusätzlichen Druck auf politische Strukturen.

Welche Hinweise auf eine soziale Krise hindeuten

Das Team stellte Übereinstimmungen zwischen Phasen besonders harter Wetterereignisse und Veränderungen in Siedlungsmustern fest. In der Chengdu-Ebene, die mit dem alten Königreich Shu verbunden ist, fanden Ausgrabungen Bauwerke, die um etwa 950 v. Chr. von Überschwemmungen betroffen waren, sowie zerstörte Deiche, die ungefähr auf 500 v. Chr. datiert werden.

  • Alte Inschriften hielten eine wachsende Sorge über Regen und Katastrophen fest.
  • Überschwemmungsschichten bewahrten Hinweise auf Zerstörung an Bauwerken.
  • Gebrochene Deiche deuteten auf Ereignisse mit grosser Wucht und Reichweite hin.
  • Aufgegebene Siedlungen legten eine Verringerung oder Verlagerung der Bevölkerung nahe.
  • Höher gelegene Flächen nahmen einen grösseren Anteil der menschlichen Besiedlung auf.

Insgesamt wurden archäologische Fundstellen seltener und konzentrierten sich stärker auf höheres Gelände – ein Hinweis darauf, dass Menschen möglicherweise aus gefährdeten Zonen abwanderten. Die Studie behauptet nicht, dass das Klima allein Dynastien zu Fall brachte, sondern legt nahe, dass wiederholte Katastrophen bereits bestehende wirtschaftliche, politische und soziale Spannungen verschärften.

Trugen die Stürme zum Ende der Shang-Dynastie bei?

Die Shang-Dynastie herrschte zwischen ungefähr 1600 und 1046 v. Chr. über Teile des Gelben-Fluss-Tals. Ihr Sturz durch die Zhou wird üblicherweise mit militärischen Konflikten und politischen Machtkämpfen erklärt. Die neue Untersuchung ergänzt das Klima als möglichen Destabilisierungsfaktor, ohne diese historischen Erklärungen zu ersetzen.

Ausserdem sahen die Autorinnen und Autoren Hinweise auf mögliche Dürren um etwa 1350 v. Chr., die mit El-Niño-ähnlichen Bedingungen zusammenhängen könnten. Ein Wechsel zwischen Trockenphasen und Überschwemmungen wäre besonders verheerend gewesen: Er hätte Ernten beschädigt, Vorräte geschwächt und ganze Gemeinschaften anfälliger für Konflikte gemacht.

Die Vergangenheit als Warnsignal für heutige Städte

Die Arbeit zeigt, wie scheinbar weit voneinander entfernte Quellen zu einer gemeinsamen Erzählung zusammenfinden. Beschriftete Knochen machten die Ängste der Menschen sichtbar, Ruinen belegten die materiellen Schäden, und Klimamodelle rekonstruierten die Zugbahnen der Stürme. Zusammen weisen diese Elemente darauf hin, dass auch Binnenregionen massiv unter Taifunen leiden können, die an der Küste entstehen.

Wie genau sich die Gesellschaften der Shang und Shu entwickelten, muss durch weitere Ausgrabungen und Analysen geklärt werden. Dennoch bleibt die vor über drei Jahrtausenden eingravierte Botschaft aktuell: Extreme Ereignisse können Städte, Wirtschaft und Regierungen schnell verändern. Solche alten Krisen zu verstehen, ist ein dringender Weg, heutige Bevölkerung besser vorzubereiten – bevor neue Katastrophen dieselben Fragen erneut aufwerfen.

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